Feuerläufer und Pflichtfeuerwehr

Feuerläufer und Pflichtfeuerwehr 
Brandschutz in Rauenthal vor Gründung der Freiwilligen Feuerwehr

Das Feuer, der Sage nach von Prometheus den Göttern gestohlen, war schon immer Freund und Feind der Menschen. Es wärmte seine Hütten und Häuser, diente der Zubereitung von Speisen und auch die Industrialisierung wäre ohne diese Element nicht denkbar gewesen. Aber, das Feuer konnte auch den Mensch und seine Werke binnen kurzer Frist zerstören. War in früher Zeit ein Brand durch Unachtsamkeit oder Kriegslust entstanden, fielen diesem oft ganze Dörfer und sogar Städte zum Opfer.

 

Auch Rauenthal blieb vor einer Feuersbrunst nicht verschont. So wurde unser Ort im Jahre 1558 fast völlig durch einen Brand zerstört. Auch die Pfarrkirche wurde ein Raub der Flammen. Von Brandschutz war zu dieser Zeit in Rauenthal noch lange keine Rede. Erste Hinweis auf Feuerschutzmaßnahmen in unserem Heimatort finden sich in einem Kaufvertrag aus dem Jahre 1660. Mit dieser Urkunde überlässt die Gemeinde Rauenthal dem Bürger Matthes Heyl das „gemeine wirtshaus“, an dem sich „ das leien oder wetterdächlein längst der gemeinen gaß zum schutz, schirm und unterhaltung der feuerhaken, leitern und sonsten zur feuersnoth gehörigen instrument“ befand. 

Wie wenig tauglich diese Geräte letztlich jedoch waren, kann aus dem „Haus-Protokoll“ des späteren Rauenthaler Schultheißen Hofmann entnommen werden. Darin berichtet dieser: „Den 16ten Juny anno 1684 abendts um 10 uhr ist in unserer nachbarschaft leydter gottes ein erbärmlicher brand entstanden, dadurch mir all meine Gebäude, pferdt und ackers geschirr, 6 küh, 5 schwein, ein lamb, 12 Hühner, ohnegefehr 20 Malter Habern und ettliche Malter Korn, Gott erbarms, alles verbrennen und nix errettet, als was nur hausrath gewesen.“ 
Löscheimer Einreißhaken
Sicher auch im Hinblick auf dieses Ereignis mussten ab dem Jahre 1687 die Einwohner Rauenthals bei der Erwerbung der Bürgerrechte eineinhalb Gulden zur Schaffung eines Feuereimers an die Gemeindekasse entrichten. Dem Brandschutz in unserer Heimatgemeinde hatte sich, wie überall im Rheingau die Zunft der Schröter verschrieben. Die Aufgabe der Schröter bestand eigentlich darin, die Weinfässer aus den Kellern zu holen und dann mit den Schröterwagen an den Bestimmungsort zu bringen. Im Rheingau war man offensichtlich der Meinung, daß die Leute, welche mit dem kostbarsten Gut unserer Heimat, nämlich dem Wein, umzugehen versteht, der könne auch mit dem lebenserhaltenden Löschwasser bestens agieren. In der Tat waren die Rheingauer in Puncto Brandschutz bei den Schrötern nicht schlecht aufgehoben. 

Auch schon in damaliger Zeit machte das Löschen durstig. So befindet sich in den Kassenbelegen der Gemeinde Rauenthal unter dem 20. Dezember 1770 folgende Eintragung: „Bey dem Brant beym Wammes für branden wein vor die leuth wo die spritzen gefahren haben und vor die wächter ist 1 Gulden 16 Kreuzer zahlt worden“. 

Da Brände oftmals nicht mit den örtlichen Kräften bekämpft werden konnten, gab es in allen Orten so genannte Feuerläufer. Aufgabe dieser Männer war es, bei Feuersnot Hilfskräfte aus den Nachbargemeinden herbeizurufen und, sofern in einem anderen Ort ein Feuer ausgebrochen war, dort zur Hilfe zu eilen. Schnelligkeit und Ausdauer waren hier besonders gefragte Eigenschaften, gab es doch weder Telefon noch Reitpferde oder gar motorisierte Fortbewegungsmittel. In den Rauenthaler Analen befindet sich auf die Tätigkeit der Feuerläufer noch folgender Hinweis: „Für einen Gang zur Feuersbrunst, so durch das Gewitter zu Kiedrich entstanden und für einen Gang nach dem Johansberg, wo es im Backhaus gebrant, für jeden Gang wie allzeit 1 gulden in Summa 2 Gulden empfangen, bescheine Rauenthaler Feuerläufer Wilhelm Lang für mich und meine Kameraden“. Wie lange mag es wohl gedauert haben, bis die Nachricht von dem Brand in Johannisberg in Rauenthal ankam und wie lange werden wohl die Feuerläufer nach dorthin unterwegs gewesen sein? Leider gibt es hierüber keine Aufzeichnungen. 

rauenthal 

Im Jahre 1850 gründeten die Gemeinden Rauenthal und Martinsthal eine Spritzengemeinschaft. Gemeinsam wurde eine Handdruckspritze beschafft, die abwechselnd einen Monat in Rauenthal und einen Monat in Martinsthal stationiert war. Bedingt durch die ungünstige Lage Rauenthals auf einer Anhöhe über Martinsthal musste jedoch bald festgestellt werden, dass die Pumpe im Bedarfsfalle zwar schnell von Rauenthal nach Martinsthal hinab verbracht werden konnte, bei einem Brand in einem Monat, in welchem das Gerät jedoch in Martinsthal stationiert war, verging jedoch unverhältnismäßig viel Zeit für das Verbringen der Spritze in die höher gelegene Gemeinde Rauenthal. Nicht zuletzt aus diesem Grunde wurde die Spritzengemeinschaft 1887 wieder aufgelöst und von der Gemeinde Rauenthal eine eigene Handdruckspritze beschafft. Gleichzeitig erfolgte die Ausrufung der Pflichtfeuerwehr, waren doch zur Bedienung der Spritze 8 Männer notwendig, die wegen der starken körperlichen Belastung beim Pumpen bereits nach wenigen Minuten wieder ausgetauscht werden mussten. 

Spritze 

Als erstes Feuerwehrgerätehaus und, wie in vielen Ortschaften üblich, zugleich auch als Gewahrsamsraum, diente der Teil des Rauenthaler Rathauses, in welchem sich nach einem Umbau zuletzt das Amtszimmer des Bürgermeisters und das kleine Sitzungszimmer befanden. 

Übung

Die neu gegründet Pflichtfeuerwehr stand bis 1904 unter der Leitung von Brandmeister Jakob Wagner III. Nach seinem Tod übernahm Jakob Wagner VI diese Aufgabe. 1910 wechselt das Amt des Kommandanten der Pflichtfeuerwehr zu Johann Baptist Wagner. Nach dessen ausscheiden nach dem ersten Weltkrieg übernahm Melchior Sturm die Funktion des Ortsbrandmeisters. Seine Nachfolge trat dann Jakob Sturm an. Dieser stand bereits als Turnwart des Rauenthaler Turnvereines im öffentlichen Leben. Von ihm kamen dann auch die ersten Gedanken zur Gründung einer freiwilligen Feuerwehr. Sicher nicht zuletzt aufgrund der Beleibtheit dieses Mannes folgten ihm zahlreiche Turnkameraden und andere Rauenthaler auf dem Weg zur freiwilligen Übernahme des Brandschutzes in Rauenthal.